Im Frühjahr 1945 war Kienitz kein kleiner Ort am Rande der Welt. Er war mittendrin. Kienitz war der sprichwörtliche Vorhof von Berlin. Hier überschritten sowjetische Truppen am 31. Januar die Oder. Hier begann die letzte militärische Phase des Krieges auf deutschem Boden. Wer heute an den Gräbern steht, steht am Ort eines Zusammenbruchs. Dort wo der Zweite Weltkrieg in Europa in die letzte Phase eintrat.
Am 31. Januar 2026 gedachte der Landesverband Brandenburg in Kienitz der Gefallenen jener Kämpfe. Wenige Tage später, am 13. Februar, folgte auf dem Nordfriedhof in Dresden das Erinnern an die Opfer des verheerenden Bombenangriffs von 1945. Zwei Orte. Zwei militärische Realitäten. Eine historische Wahrheit: Die letzten Kriegsmonate forderten Hunderttausende Tote – Soldaten, Zivilisten, Vertriebene. Das Ende war kein geordneter Übergang, sondern ein Inferno.
Kienitz war Front und ist keine Legende
In Kienitz sprach für den Landesverband Max-Georg Freiherr von Korff, Oberstleutnant a. D. und Mitglied des Landesvorstandes. Seine Botschaft war klar: Erinnerung darf nicht museal werden. Es gehe darum, „der heutigen Jugend das Menschenbild und den Friedensgedanken des Volksbundes mitzugeben“. Das klingt schlicht. Ist es aber nicht.
Brandenburg war 1945 Front- und Durchmarschraum zugleich. Zwischen Oder, Seelower Höhen und Berlin verdichtete sich der Krieg ein letztes Mal. Wer hier gedenkt, gedenkt nicht abstrakt, sondern im geografischen Zentrum der finalen Eskalation. Der Landesverband dankt Landrat Gernot Schmidt, dem stellvertretenden Bürgermeister Martin Wiese, dem Ortsvorsteher Roland Grund sowie Pfarrer Frank Schneider für die würdige Ausrichtung der Gedenkstunde.
Dresden: Keine bequeme Traditionslinie
In Dresden wählte der Vizepräsident der Bundespolizeidirektion Pirna, Jörg Scheeser, einen ungewöhnlichen Einstieg. Er begann mit der provokanten These, die 1951 gegründete Bundespolizei habe „mit dem 2. Weltkrieg nichts zu tun“ . Ein Gedanke, wie er jungen Beamten bisweilen begegnet. Dann folgte die Einordnung. Scheeser zeichnete die Traditionslinien nach: von der preußischen Sicherheitspolizei über die Zentralisierung der Polizei 1935 bis zur Pervertierung in der nationalsozialistischen Ära – Polizei-Bataillone, Beteiligung an Massakern, das Verschwimmen der Grenze zwischen Polizei und Militär.
Die Rede wurde sehr persönlich, als er sich selbst fragte, was aus ihm zwischen 1933 und 1945 geworden wäre. Keine historische Übung, sondern eine Selbstprüfung. Daraus leitete er seinen Maßstab ab: „Er steht für mich für die Verantwortung alles zu tun, eine auch nur ansatzweise Wiederholung von 1933 bis 1945 zu verhindern und er steht für mich für den persönlichen Einsatz, dass die Anzahl neuer Kriegsgräber sukzessive abnimmt und es irgendwann keine neuen Kriegsgräber mehr geben wird.“ Damit machte der Bundespolizei-Vizepräsident deutlich, dass Gedenken nicht nur Erinnern bedeutet, sondern auch aktives Tun in der Gegenwart.
Der Landesgeschäftsführer Oliver Breithaupt dankt dem Landesverband Sachsen, insbesondere dem Regionalbeauftragten Ingo Flemming MdL, dem Landesgeschäftsführer Dr. Dirk Reitz, dem evangelischen Militärdekan Klaus Kaiser sowie Jörg Scheeser für die eindrucksvolle Gestaltung der Gedenkstunde.
Erinnerung ist mehr als ein lang geübtes Ritual
Der Volksbund in Brandenburg hat im vergangenen Jahr in Halbe, Lietzen und Lebus Hunderte deutsche und sowjetische Gefallene eingebettet. Das sind keine symbolischen Zahlen. Es sind reale Tote, deren Namen oft erst Jahrzehnte später geklärt werden. Gedenken ist deshalb kein dekorativer Akt am Jahresanfang. Es ist die nüchterne Auseinandersetzung mit der Frage, wohin Entgrenzung von Macht, Ideologie und Gewalt führt bzw. führen kann.
Die Gräber in Kienitz und Dresden sprechen eine klare Sprache. Ob wir sie hören wollen, liegt bei uns.