Am Samstag, den 3. Februar 1945, um kurz nach 12 Uhr erscheinen über 1.000 Bomber der USAAF am Himmel über Berlin. Das Ziel des schwersten Luftangriffs auf die Reichshauptstadt ist das Regierungsviertel, doch starke Winde treiben die Bomben nach Osten. Die innere Luisenstadt brennt. Häuser stürzen ein, Straßen verschwinden, Menschen sterben im fürchterlichen Feuersturm. Zivilisten, Frauen, Kinder.
81 Jahre später erinnern die Berliner Unterwelten in ihrem Museums-Bunker in der Dresdener Straße in Berlin-Mitte an dieses Ereignis. Dies geschieht nicht durch Zahlen oder militärische Kategorien, sondern durch das Erzählen der Geschichte einer Mutter und eines Vaters, die die fürchterlichsten Stunden ihres Lebens mit ergreifenden Worten beschrieben haben.
Die Geschichte von Hedwig Langer und ihren vier Kindern steht exemplarisch für die fast 10.000 Toten dieses einen Vormittags gegen Ende des Zweiten Weltkrieges. Dorothea Praxedis, Gottfried Ansger, Irene Antonia und Otto Sigismund Langer verbrennen am 3. Februar 1945 im Feuersturm in der Luisenstadt gemeinsam mit ihrer Tante Margarethe. Jahrzehntelang gelten sie als „unbekannt“. Vier Kinder ohne Namen. Vier Schicksale, ausgelöscht aus dem Gedächtnis der Stadt.
Die Arbeit der Berliner Unterwelten überschneidet sich an diesem Punkt mit dem Selbstverständnis des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge: Ein zentrales Ziel beider ist es, den Verstorbenen ihre Namen wiederzugeben und so gegen das Vergessen zu wirken. Dabei geht es nicht nur um einen formellen Akt, sondern vielmehr darum, die Identität dieser Menschen wiederherzustellen.
In seiner Rede bringt Oliver Breithaupt, Volksbund-Landesgeschäftsführer, diesen Gedanken auf den Punkt. Anonymität sei mehr als fehlende Information. Sie bedeute, dass kein Bezug mehr bestehe zwischen einem Ereignis und einem Menschen. Zwischen Tod und Würde. Der Name, so Breithaupt, gehört untrennbar zum Menschsein – im Leben wie im Tod. Er verweist dabei auf den Bibelvers aus dem Buch Jesaja: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein. Nicht aus religiöser Perspektive, sondern als anthropologische Feststellung: Einer Person ohne Namen werden wesentliche Merkmale genommen. Sie wird zu einer Nummer, zu einem Akteneintrag oder einem anonymen Teil der Geschichte.
Dass die vier Kinder Langer heute nicht mehr anonym sind, ist das Ergebnis intensiver Recherche der Berliner Unterwelten nach einem Glücksfund. Die Gedenkplatte auf dem St.-Hedwig-Friedhof in Berlin-Weißensee, wo die Kinder ihre letzte Ruhe gefunden haben, wurde vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge gemeinsam mit Peter Oppermann gestiftet. Ein bewusst schlichtes Zeichen. Und gerade deshalb ein starkes.
Für Breithaupt ist dieser Schritt zentral. Nach dem Zweiten Weltkrieg, so erinnert er, waren erstmals in der Geschichte eines industrialisierten Krieges Zivilisten die Mehrheit der Opfer. Sie trugen keine Erkennungsmarken. Oft blieb nur ein Papierausweis – wenn überhaupt. Das Ergebnis: zahllose Tote ohne Namen.
Die Gedenkveranstaltung bei den Berliner Unterwelten macht diesen Verlust spürbar. Auch für das Publikum. Die Zuhörerinnen und Zuhörer sind tief bewegt von der eindringlichen Veranstaltung unter der Erde. Breithaupt sagt dazu offen: „Gefreut habe ich mich auch über das große Interesse – man sieht es an der Besucherzahl. Dazu die hervorragende Auswahl der Musiker, deren Stücke sowie der beiden Rezitatoren. Alles sehr berührend, sehr tiefgreifend und authentisch. Sie, lieber Dietmar Arnold, beziehungsweise die Berliner Unterwelten, haben mit mir einen Multiplikatoren für das Anliegen Ihres Vereins gewonnen.“
Diese Arbeit wird maßgeblich von Persönlichkeiten wie Dietmar Arnold, dem Vorstandsvorsitzenden der Berliner Unterwelten, und seinen Vereinskolleginnen und -Kollegen geprägt. Sein Ansatz ist eindeutig: Geschichte soll nicht beschönigt oder vereinfacht werden, sondern in all ihren räumlichen, menschlichen und moralischen Facetten transparent offengelegt werden.
So wird der 3. Februar 1945 mehr als ein Jahrestag. Er wird zur Frage an die Gegenwart. Ob wir bereit sind, hinzusehen. Ob wir Namen nennen. Oder ob wir uns mit dem Wort „unbekannt“ zufriedengeben. Ob als Volksbund oder als Berliner Unterwelten.
Vier Kinder haben ihre Namen zurückbekommen. Das ändert nichts am Tod. Aber alles an der Erinnerung.